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"Die staatliche Indigenenpolitik ist reine Kosmetik"

Fijáte 467 vom 1. September 2010, Artikel 1, Seite 1

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"Die staatliche Indigenenpolitik ist reine Kosmetik"

Frage: Sind politische Maya-Organisationen wie z. B. VGWinaq oder andere jüngere Projekte im aktuellen Kontext mehrheitsfähig?

S.B.: Auch diese Organisationen sind Teil der Veränderung. Bisher gab es Gruppierungen, die durch Druck gewisse Spielräume öffnen und etwas Einfluss nehmen konnten. Doch die Entscheide werden im Kongress getroffen, und die Alternativen sind entweder, die Parteien zu "mayanisieren" oder eine Maya-Partei zu gründen.

Bereits 1987 gab es in Guatemala eine indigene Partei. Im Jahr 2003 gewann VGEvo Morales in Ecaudor die VGPräsidentschaftswahlen und bewies, dass man auch als Indigener an die Macht kommen kann. In Guatemala scheiterte Winaq bei den letzten Wahlen mit bloss 3% der Stimmen. Andere Beispiele in Lateinamerika beweisen, dass es nach 20 Jahren Kampf gelingen kann, an die Macht zu kommen, doch braucht es dazu eine breite Basis, die über den Indigena-Sektor hinausgeht. In VGBolivien waren es zuerst die Coca-BäuerInnen, dann die Indígenas und zuletzt alle sozialen Bewegungen, die sich Morales anschlossen.

Auch Winaq muss sich, um mittel- und längerfristig erfolgreich zu sein, mit den BäuerInnen, den VGGewerkschafterInnen und der Mittelschicht verbünden. Ein anderes Problem ist der Personenkult, der Mangel an politischen FührerInnen und eine linke politische Kultur, die es zu überwinden gilt.

Frage: Sie sprechen von einem kosmetischen Multikulturalismus seitens des Staates, dem es nicht gelingt, die Anliegen des Maya-Bewegungen zu verstehen. Was meinen Sie damit?

S.B.: Mit kosmetischem Multikulturalismus meine ich die Politik des Staates, etwas Schminke aufzutragen, ohne strukturell etwas zu verändern. Dahinter steckt die historische Tatsache, dass die ganze guatemaltekische Gesellschaft auf Strukturen der Ungleichheit aufgebaut ist. Diese Ungleichheit betrifft nicht nur die Indígenas, sie betrifft alle und äussert sich in der Gewalt, im Militarismus, im Autoritarismus, im Machismus.

Zu meinen, das Problem sei gelöst, wenn wir nur die indigenen Völker anerkennen, ihre Sprache offizialisieren, den zweisprachigen Schulunterricht fördern und die Maya-Kosmovision anerkennen, ist ein grosser Irrtum. Das sind rein oberflächliche Veränderungen.

Interessant ist, dass dieser kosmetische Multikulturalismus - nicht nur in Guatemala - eine Vielzahl von Instrumenten hervorbringt, z. B. das VGAbkommen 169 der VGInternationalen Arbeitsorganisation (ILO), die sehr nützlich sein könnten. Nun geht es darum, diese Abkommen einzuhalten: sowohl die ILO wie auch die Vereinten Nationen und der Zentralamerikanische Gerichtshof haben die guatemaltekische Regierung dazu aufgefordert: "Ihr habt unterschrieben, jetzt setzt um".

Dies führt zu einer neuen Form indigener Kämpfe, die sich darauf konzentriert, diese Instrumente zu nutzen. Ein grosses Problem ist allerdings, dass man nicht nur gegen den guatemaltekischen Staat anzukämpfen hat, sondern auch gegen internationale Unternehmen, die sich einen Deut um die nationale Gesetzgebung scheren. Auf der anderen Seite globalisiert sich durch die Beteiligung internationaler Unternehmen auch die Solidarität, wobei man realistisch bleiben muss, was die Einflussmöglichkeiten betrifft. Aber allein die Tatsache, dass der Interamerikanische Gerichtshof den guatemaltekischen Staat aufgefordert hat, das Recht auf Konsultation der indigenen Bevölkerung zu respektieren, ist jedoch ein politischer Erfolg und in dieser Beziehung gibt es noch mehr Spielräume, die genutzt werden könnten.

In den verschiedenen historischen Phasen haben die indigenen Völker wichtige Kämpfe ausgefochten und Erfolge verbuchen können. Heute stehen wir am Beginn einer neuen Phase, in der es darum geht, das Sklaventum und die VGDiskriminierungNF zu überwinden. Ob dies gelingt, hängt nicht zuletzt von den indigenen Völkern selber und ihrer Kapazität der Organisation und der politischen Druckausübung ab. Und es bedingt, dass sie Allianzen eingehen, deren Ziel es sein muss, nur nur das Eigene, sondern das ganze Paket und die Umgebung zu verändern.


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